Schwarzwälder Bote 11.8.14

Albstadt "Flugbetrieb wäre erheblich gefährdet"

Bildbeschreibung

Das umrandete Gebiet zeigt die Start- und Landebahn auf dem Degerfeld. Links oben im Bild ist Hermannsdorf zu sehen, in dessen Nähe die "Küche" liegt, am rechten Bildrand die Gemeinde Bitz. Foto: LSV Degerfeld Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Karina Eyrich

Albstadt-Tailfingen. Windräder – fast so hoch wie der Stuttgarter Fernsehturm, und das am Albtrauf? Für den Luftsportverein Degerfeld wäre das, was ein Teilflächennutzungsplan Windkraft der Stadt Burladingen ermöglichen soll, mehr als eine optische Störung, sondern gefährlich.

"Landschaftlich wäre der Bau von Windrädern dort eine Katastrophe", sagt Guido Voss. "Vielen Bürgern ist offenbar noch gar nicht bewusst, dass da oben ›Denkmäler‹ entstehen sollen, die fast so hoch wären als der Stuttgarter Fernsehturm" – er misst 217 Meter.

Doch die optischen Auswirkungen des möglichen Baus von Windrädern sind es nicht in erster Linie, die den Vorsitzenden des Luftsportvereins Degerfeld (LSV) und seine Flieger-Kameraden stören würden: Sollte es der Stadt Burladingen gelingen, im so genannten Gewann "Küche" bei Hermannsdorf Windkraft-Standorte auszuweisen und sollten dort Anlagen entstehen, dann müsste der LSV aus Sicherheitsgründen seine so genannte Platzrunde – sie dient der Sicherheit beim Landeanflug und dem Lärmschutz für Wohngebiete in der Umgebung – verlegen, um den Flugplatz Degerfeld überhaupt noch nutzen zu können. Der Teilflächennutzungsplan Windkraft liegt derzeit im Rathaus der Stadt Burladingen aus, und noch bis zum 8. September können Bürger dort Einsicht und Stellung dazu nehmen.

Mayer: Anhörung nicht absichtlich in den Ferien

Ob die Stadt die Anhörungsfrist bewusst in die Sommerferien verlegt hat? Melanie Mayer vom Bauamt Burladingen verneint. Tatsächlich jedoch stellt der Zeitpunkt, in dem die Pläne ausliegen – vom 8. August bis 8. September – den LSV vor Probleme. Denn sowohl Voss als auch Rechtsanwalt Norbert Erbe, Beisitzer im LSV-Vorstand und mit der Angelegenheit betraut, haben Urlaub gebucht.

Neben ihnen beschäftigt sich allerdings auch Hansjörg Jung, der Windkraft-Experte des Baden-Württembergischen Luftfahrtverbandes (BWLV), mit der Angelegenheit. Er prüft derzeit die Abstände des geplanten Vorranggebietes für Windkraft zur Platzrunde, die der LSV braucht, um auf dem Degerfeld starten und landen zu können: 150 Meter über Grund sind dafür nötig.

"Wir verfassen eine fachliche Stellungnahme dazu", erklärt Jung gegenüber dem Schwarzwälder Boten. "Dazu brauchen wir aber zuerst einmal eine Windmessung." Denn der Windatlas (siehe Stichwort) – er identifiziert jene Gebiete, die sich für Windkraftanlagen eigenen – sei in Skandinavien entwickelt worden und für flaches Gelände geeignet. Nur eine Messung mit Hilfe eines Messmastes – er muss zwei Drittel der Nabenhöhe künftiger Windkraftanlagen haben – sei sinnvoll, um tatsächlich die Tauglichkeit des Standortes festzustellen. Zum Vergleich: "In Meßkirch hat der Windatlas mehr als sechs Meter pro Sekunde angezeigt, laut Messung waren es jedoch nur 4,7 Meter", so Jung: "Ich habe noch nie erlebt, dass die Messung mehr anzeigt als der Windatlas."

Melanie Mayer hingegen sieht keinen Grund zur Besorgnis. "Wir setzen nur die Landespolitik um und stellen einen Teilflächennutzungsplan Windkraft auf, um das zu steuern", sagt sie mit Blick auf den Bau von Anlagen. Ausdrücklich betont sie: "Bisher gibt es weder Bauanträge noch irgendwelche Höhenangaben (von Anlagen, Anm. d. Red.)" – diese stünden erst dann fest, "wenn jemand Interesse hat". Eine Aussage von Bürgermeister Harry Ebert im Gemeinderat der Stadt Burladingen steht dem allerdings entgegen: Es gebe täglich Anfragen potenzieller Betreiber, hatte der Bürgermeister im Gemeinderat betont.

In Burladingen hat die Diskussion inzwischen ebenfalls Fahrt aufgenommen: Kurz vor der Sommerpause waren Anlieger des Gewanns "Küche" in der Gemeinderatssitzung gewesen, in welcher ursprünglich die Aussetzung des Beschlusses auf öffentliche Auslegung gestanden hatte. Die Verwaltung jedoch hatte diesen Beschluss kurzerhand von der Tagesordnung gekippt. Harry Ebert hatte in der Sitzung gesagt, dass Wasserschutzgebiete der Zone II von Windkraftanlagen freizuhalten seien, womit der größte Teil des Gewanns "Küche" ausscheide. Der Rest der Fläche jedoch sei Teil des Auslegungs- und Anhörungsverfahrens, in dessen Rahmen laut Melanie Mayer auch der LSV Degerfeld angeschrieben worden ist.

Auch die Anwohner der "KĂĽche" kochen

Ebenfalls ins Verfahren einbezogen wird ein Gutachten von Erhard Schlabach, Professor für Verwaltungsrecht in Kehl. Er hatte den Küche-Anwohnern bescheinigt, dass ihr Weiler ein Innenbereich sei und daher – wie andere Ortschaften auch – darauf Anrecht habe, dass ein Kilometer Abstand zwischen Wohnbebauung und Windkraftanlagen besteht.

Neben "Küche" gibt es laut Melanie Mayer derzeit zwei weitere Konzentrationszonen, die zur Debatte stehen: an der Grenze zwischen Stetten und Melchingen – das Gebiet "Telle" – sowie auf der Gemarkung Ringingen mit dem Gebiet "Ringelstein". Alle drei sind im Teilflächennutzungsplan ausgewiesen, den das Balinger Büro "Dr. Grossmann Umweltplanung" im Auftrag der Stadt erstellt hat.

"Solch eine Planung kostet sehr viel Geld", sagt Flieger-Chef Guido Voss. "Das macht man sicher nicht einfach so, ohne dass man diese Anlagen bauen möchte." Seine Sorge: "Wenn die Planungen erst einmal abgeschlossen sind, kann ein Bau der Anlagen nicht mehr verhindert werden – ähnlich wie bei ›Stuttgart 21‹. Wenn nicht bereits in der Planungsphase entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, ist das Kind sicher ziemlich schnell in den Brunnen gefallen."

Südwestliche Anliegerkönnten betroffen sein

Auf den LSV sieht der Vorsitzende eine "erhebliche Gefährdung des Flugbetriebs" auf dem Degerfeld zukommen, das seit Mitte der 1930er Jahre als Flugplatz genutzt wird und wo seit 1956 die erste Halle steht. "Es könnte sein, dass wir unsere Platzrunde ändern müssten", sagt Voss mit Blick auf die erforderlichen Sicherheitsabstände. "Bisher haben wir die Platzrunde so gelegt, dass möglichst wenig Menschen gestört werden." Bitz, Truchtelfingen und Tailfingen sind die nächsten Anlieger des Degerfelds auf der südwestlichen Seite, gegenüber dem Gewann "Küche".

(key). Auf seiner Internetseite www.thinkaero.de hat Hansjörg Jung, Windkraftexperte des Baden-Württembergischen Luftsportverbands, Wissenswertes zum Thema Windkraft im Umfeld von Plätzen dargestellt:

  • Der Windatlas Baden-WĂĽrttemberg, 2011 vom TĂśV SĂĽd erstellt, ist laut Jung errechnet. Die Windwerte seien am Computer modelliert und könnten, je nach Geländeform, stark abweichen, weshalb eine Absicherung durch eine Messung – am besten mittels Messmast – empfehlenswert sei. Zudem basiere der Atlas auf dem so genannten WAsP-System, das in den 1980er Jahren in Dänemark entwickelt wurde und auf komplexes hĂĽgeliges Gelände nicht ĂĽbertragbar sei. Jungs Fazit: Wer sich auf das WAsP-System verlasse, gehe das Risiko ein, dass seine Windkraftanlage nicht wirtschaftlich arbeite. Im sĂĽdwestdeutschen Raum seien die Abweichungen zu tatsächlichen Messungen die Regel – Jung nennt dafĂĽr zahlreiche Beispiele. Das Kölner GutachterbĂĽro EuroWind, das im Auftrag des Regionalverbands SĂĽdlicher Oberrhein den Windatlas mit anderen Methoden verglichen hat, komme zum Ergebnis, dass das Gutachten des TĂśV SĂĽd methodische Mängel erkennen und viele Fragen offen lasse.

  •  Wind-Versatz: Die Schleppstrecken fĂĽr Flugzeuge gehören laut Jung nicht zur Platzrunde, könnten aber durch Windkraftanlagen in Flugplatznähe stark beeinträchtigt werden. FĂĽr den Flugzeugschleppbetrieb seien Windräder wegen Turbulenzen im Nachlauf des Rotors je nach Windstärke eine erhebliche Gefahrenquelle. Bei zehn Kilometern Wind pro Stunde wird ein Segelflugzeug laut Jung pro Kreis um rund 170 Meter abgetrieben, nach fĂĽnf Kreisen also 850 Meter weit.