Windenergie und Luftsport

Bildbeschreibung Flugplatz Klippeneck Visualisierung Ulrich Bielefeld

Von den zahlreichen flugplatznahen Windkraftprojekten, die in Baden-W√ľrttemberg derzeit in Planung sind, wurden im September drei gestoppt. Am Flugplatz Klippeneck entschieden sich die B√ľrger der Gemeinde Balgheim in einem B√ľrgerentscheid gegen eine Verpachtung der Fl√§chen f√ľr die Windkraft. Am Flugplatz Stahringen hat der Projektierer auf dem Kirnberg - Gemeinde Stei√ülingen - aus vielf√§ltigen Gr√ľnden aufgegeben. Die Ernennung der H√∂hlen- und Steinzeitkunst im Ach- u. Lonetal zum UNESCO-Weltkulturerbe im Juli bedeutete zudem das Aus f√ľr zw√∂lf Windkraftanlagen im Teichhau s√ľdlich des Flugplatzes Giengen/Brenz (Landkreis Heidenheim).

Da neue gesetzliche Regelungen, welche die Windkraftanlagen und deren neue, enorme Bauh√∂hen ber√ľcksichtigen, immer noch fehlen, muss in jedem Einzelfall m√ľhsam mit den Luftfahrtbeh√∂rden und Vorhabenstr√§gern verhandelt werden, um die Hindernisfreiheit an den Flugpl√§tzen aufrecht zu erhalten. Im Folgenden die F√§lle, in denen sich ‚Äď unter anderem auch dank der Mitwirkung des Baden-W√ľrttembergischen Luftfahrtverbandes (BWLV) - neue und f√ľr die Flugpl√§tze positive Entwicklungen ergeben haben:

Flugplatz Stahringen

Das Landratsamt Konstanz hat - auf Antrag der Firma Solarcomplex AG - das Ruhen des Genehmigungsverfahrens f√ľr den Windpark Kirnberg (Stei√ülingen) f√ľr voraussichtlich zwei Jahre best√§tigt. Als Gr√ľnde geben die agierenden Projektierer die ‚Äěderzeit geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen (EEG 2017 sowie natur-und artenschutzrechtliche Vorgaben)‚Äú an. Es gab zahlreiche beh√∂rdliche Bedenken, die der Vorhabenstr√§ger nicht ausr√§umen konnte. Parallel hierzu entwickelte sich ein breiter √∂ffentlicher Widerstand - mehr als 3.000 Unterschriften gegen das Projekt machen dies deutlich. Die luftrechtliche Betrachtung der strittigen Windkraftplanung st√ľtzte sich einerseits auf eine umfangreiche Stellungnahme der Flugsportvereinigung Radolfzell und bezog sich ferner auf das Turbulenzgutachten der FH Aachen vom 15. Dezember 2015. Der Vorhabenstr√§ger hatte mit einem luftrechtlichen Gegengutachten versucht, dies zu entkr√§ften, was wiederum ein erg√§nzendes Gutachten der FH Aachen erforderlich machte. Hier wurde deutlich, dass das Projekt den Flugbetrieb massiv erschwert h√§tte. Neben der luftrechtlichen Kritik beim Genehmigungsantrag zeigten sich weitere eklatante M√§ngel, die einer Projektgenehmigung entgegenstanden. So wurde im Verlauf des Verfahrens etwa durch den Einsatz von B√ľrgern und Ornithologen deutlich, dass V√∂gel durch den Bau stark gef√§hrdet gewesen w√§ren. Insbesondere der Rotmilan √ľberfliegt den Bereich der geplanten Windr√§der praktisch t√§glich und w√§re damit akut bedroht. Zudem liegt der Kirnberg auf einer wichtigen Vogelzugroute. Auch in Sachen Landschafts- und Denkmalschutz sowie Schallschutz erf√ľllte der Vorhabenstr√§ger die Forderungen der Beh√∂rden nicht. Nicht zuletzt erwies sich die Wirtschaftlichkeit des Projekts als fragw√ľrdig: Seit Anfang 2017 hat die Bundesregierung bei der Verg√ľtung der Windkrafteinspeisung mehr Wettbewerb durchgesetzt und die F√∂rderungskosten f√ľr die Zukunft drastisch reduziert. Die Bewerbung f√ľr den Kirnberg und andere Schwachwindprojekte in S√ľddeutschland sind im Ausschreibungsverfahren durchgefallen.

Flugplatz Klippeneck

Die Gemeinde Balgheim hatte √ľberraschend in Zusammenarbeit mit dem Vorhabenstr√§ger Enercon am Ende 2016 in einer √∂ffentlichen Veranstaltung eine Windkraftplanung f√ľr vier Windkraftanlagen √∂stlich des Klippenecks vorgestellt. Das Planungsgebiet war weder vom Regionalverband Heuberg noch vom Gemeindeverband Spaichingen, zu dem Balgheim geh√∂rt, beplant worden. Somit greift ¬ß 35 Baugesetzbuch ‚Äď das hei√üt, es findet eine Privilegierung der Windkraft statt. Eine Konsultation mit der Luftfahrtbeh√∂rde hatte seitens des Vorhabenstr√§gers nicht stattgefunden. W√§re das Projekt durchgesetzt worden, w√§ren die Auswirkungen auf den Flugbetrieb am Klippeneck erheblich gewesen. Die Stellungnahme des BWLV als Flugplatzbetreiber wurde am 2. Juni 2017 auf den Weg gebracht. Die B√ľrgerinitiative gegen die Windkraft, die sich vor Ort gebildet hatte, organisierte Informationsveranstaltungen, sammelte Unterschriften, entwarf Flugbl√§tter, schrieb Leserbriefe und zog Fachleute heran. Sie hatte einen B√ľrgerentscheid durchgesetzt, der zeitgleich mit der Bundestagswahl am 24. September 2017 in der Gemeinde Balgheim zur Windkraftplanung auf den Gemeindefl√§chen stattfand. Bei diesem votierten 57,6 Prozent der Wahlberechtigten gegen die Windkraft. Dieser B√ľrgerentscheid besch√§ftigte die Bev√∂lkerung stark, was auch an der gro√üen Wahlbeteiligung in H√∂he von 83,5 Prozent abzulesen ist.

Bildbeschreibung Dreifaltigkeitsberg Kapelle Visualisierung Ulrich Bielefeld

Flugplatz Giengen/Brenz

Der Verein hat keinen Windenflugbetrieb, da sich der Flugplatz nahe an der Autobahn befindet (Seilabwurfgefahr). Deshalb ist dort nur Flugzeugschlepp m√∂glich, der wegen des Startbahngef√§lles nach S√ľden erfolgen muss. Die Hindernisfreiheit in den Flugzeugschleppstrecken ist f√ľr diesen Flugplatz darum von besonderer Bedeutung. Zudem h√§tte eine Verlegung der Flugrouten in Wohngebiete hinein erhebliche L√§rmbelastungen f√ľr die Bev√∂lkerung bedeutet. Die Windkraftplanungen dort h√§tten die Flieger also in ganz besonderem Ma√üe getroffen. Der Vorhabenstr√§ger EnBW hatte beim Gutachter airsight GmbH ein Gutachten in Auftrag gegeben. In mehrfachen Verhandlungen waren zuletzt im Ergebnis von f√ľnf verschiedenen An- und Abflugvarianten unter Anwendung des NfL 847-16 und des Gutachtens der FH Aachen mit sieben Rotordurchmesser Windkraftanlagenabstand auf dem Tisch, die allerdings erneute Schallgutachten erforderlich machten. Mittlerweile scheiterte das Windkraft-Projekt aber aus anderen Gr√ľnden: Das Landesamt f√ľr Denkmalpflege hatte mit denkmalschutzrechtlichen Belangen den Schutz der dort angesiedelten Eiszeith√∂hlen geltend gemacht. Eine gro√üe Rolle gespielt hatte hierbei die Ernennung der H√∂hlen- und Steinzeitkunst im Ach- u. Lonetal zum UNESCO-Weltkulturerbe im Juli. Dies hat letztlich das Aus f√ľr die Windkraftplanung bewirkt. Somit sind auch f√ľr die Giengener Flieger vorl√§ufig weiterhin ihre An- und Abflugrouten gesichert.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Die Luftsportverb√§nde ‚Äď allen voran der BWLV ‚Äď setzen sich nicht per se gegen den Einsatz erneuerbarer Energien und insbesondere der Windenergie. Dort aber, wo die Planungen in Sachen Windkraft den berechtigten Interessen des Luftsports entgegenstehen und diesen in seiner Sicherheit und Existenz gef√§hrden, wird der BWLV im Schulterschluss mit den anderen Luftsportverb√§nden diesen Entwicklungen entschieden entgegenwirken.

Die Luftfahrtverbände und der BWLV fordern bei der Neufassung der luftrechtlichen Bestimmungen deshalb dringend Folgendes, um die Flugsicherheit aufrecht zu erhalten:

  1. Der sogenannte turbulente Nachlauf der Windkraftanlagen (WKA) muss ber√ľcksichtigt werden. Ein Abstand von mindestens sieben Rotordurchmessern ist bei Planungen zwingend erforderlich.
  2. WKA m√ľssen als ‚Äědynamischen Hindernis‚Äú anerkannt und ber√ľcksichtigt werden. Im Gegensatz zu statischen Hindernissen ergeben sich hier ganz andere Gefahren f√ľr Piloten.
  3. Es muss eine √Ąnderung der Abstandsbemessung auf Rotordurchmesser geben, um der wachsenden Gr√∂√üe der Rotordurchmesser Rechnung zu tragen.
  4. ‚ÄěUmzingelungseffekte‚Äú im Gegenanflug m√ľssen verhindert werden, der Einflugbereich in den Gegenanflug von Motorflugzeugen in Platzrundenh√∂he ist von Hindernissen freizuhalten. Ansonsten ist die Flugsicherheit nicht mehr garantiert (siehe auch Unfallbericht der BFU Nr. 3X035-13 vom 15. Mai 2013)
  5. Es muss eine Korrektur der ‚ÄěIsometrie‚Äú durch Erweiterung der √§u√üeren √úbergangsfl√§che in der Weise erfolgen, dass die WKA nicht in die √úbergangsfl√§che hineinragen.
  6. Ein Segelflug-√úbungsbereich im Gleitwinkel 1:20 in Abh√§ngigkeit von Windenschlepph√∂he muss sichergestellt sein. Der BWLV wird sich auch bei dem Thema weiterhin mit allen zur Verf√ľgung stehenden Mitteln f√ľr seine Luftsportler einsetzen. Unter jung@bwlv.de k√∂nnen sich Vereine an den BWLV wenden und erhalten dort Beratung und Unterst√ľtzung.

Bildbeschreibung Erweiterung der Isometrie aufgrund der aktuellen WEA Bauhöhe von 230 m

Text: Hansj√∂rg Jung, BWLV-Pr√§sidialrat f√ľr Natur- und Umweltschutz und Beauftragter f√ľr Windenergie