Bringen die Windriesen den Luftsport in BedrĂ€ngnis? Betrachtung aus der Sicht eines Luftsportlers in Baden-WĂŒrttemberg.

Seit dem Regierungswechsel auf GrĂŒn-Rot herrscht in Baden-WĂŒrttemberg GoldgrĂ€berstimmung bei den PlanungsbĂŒros fĂŒr Windkraftanlagen. Groß ist der Nachholbedarf um das Ziel insgesamt 1200 Anlagen bis zum Jahr 2020 zu realisieren. Allerdings: Das windschwache „LĂ€ndle“ macht es den RegionalverbĂ€nden und Kommunen nicht einfach geeignete Standorte als VorrangflĂ€chen auszuweisen. Hinzu kommt eine hohe Flugplatzdichte und die zahlreich zu beachtenden Restriktionen von „A“ wie Artenschutz bis „Z“ wie Zivile Radaranlagen.

Bildbeschreibung

Die durch NfL „veröffentlichte Platzrunde“ eines Segelflugplatzes sichert dem Luftsport bei FlugplĂ€tzen „ohne Bauschutzbereich nach § 17 Luftverkehrsgesetz“ im Allgemeinen einen ausreichenden Luftraum. Hierzu gehören auch Notverfahren, wie etwa „Verfahren bei Seilrissen“, wobei auch ungeĂŒbte Piloten, wie wir sie im Ausbildungsbetrieb haben, in der Lage sein mĂŒssen, jede Situation zu beherrschen. Problematisch ist die Tatsache, dass die Flugzeugschleppstrecken nicht zur veröffentlichen Platzrunde gehören und somit nicht dem „Besitzstand“ der Platzrunde unterliegen. Die Ausweisung von mehreren Windkraftanlagen in FlugplatznĂ€he kann jedoch die Schleppstrecken stark beintrĂ€chtigen, zumal Wohngebiete aus LĂ€rmschutzgrĂŒnden nicht ĂŒberflogen werden sollen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn mehrere WKA in FlugplatznĂ€he erstellt werden sollen und so ein „Sperrriegeleffekt“ entsteht, der den Flugplatz regelrecht einkesselt. Keine Gemeinde soll von Windkraftanlagen „umzingelt“ werden. Dieser Grundsatz sollte, der fĂŒr Kommunen gilt, sollte auch fĂŒr den Luftsport und die Luftfahrt gelten.

Die empfohlenen Abstandsregelungen fĂŒr Windkraftanlagen zur Platzrunde betragen 400 m zum Gegenanflug und 850 m zu den anderen Teilen der Platzrunde. Hier handelt es sich aber um sogenannte „weiche Abstandsregeln“, die Auffassung der Luftfahrtbehörden und die Rechtsprechung sind nicht einheitlich. Im Übrigen sind auch Gesichtspunkte der Lage des GelĂ€ndes und seiner Umgebung relevant.

Nachlaufproblematik und Turbulenzsituationen

Windkraftanalagen, insbesondere solche der heutigen Dimension (Nabenhöhe 140 Meter), verursachen erhebliche Turbulenzen im Nachlauf des Rotors. GrundsĂ€tzlich ist die Strömung im Nachlauf eines Windrades nicht laminar sondern turbulent. AbhĂ€ngig von der WindstĂ€rke bilden sich daher im Nachlauf eines Windrades (leeseitig) ĂŒber mehrere hundert Meter Entfernung hinweg Turbulenzen aus. Diese stellen im Flugzeugschleppbetrieb - je nach WindstĂ€rke - eine erhebliche Gefahrenquelle in FlugplatznĂ€he dar. Dies muss bei der Planung berĂŒcksichtigt werden.

SĂŒddeutschland hat die höchsten WKA Bauhöhen

Betrachtet man die durchschnittlichen Nabenhöhen im Zubau der WKA des Jahres 2012 so stellt man fest, dass Bayern mit 133,9 m Nabenhöhe und Baden-WĂŒrttemberg mit 129,9 m Nabenhöhe die höchsten WKA Planungen realisiert hat. In Schleswig-Holstein sind es im Schnitt Nabenhöhen von nur 81,7 m. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass man versucht in grĂ¶ĂŸerer Höhe im komplexen sĂŒddeutschen GelĂ€nde ausreichende Windhöffigkeiten anzutreffen. Die Investoren handeln nach der einfachen Regel: Ein Meter höhere Bauhöhe ergibt ein Prozent mehr Ertrag. Die Höhe der Anlagen hat natĂŒrlich Auswirkungen auf die Flugsicherheit in der Umgebung von FlugplĂ€tzen, die in den Planungsverfahren berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen. Im ersten Halbjahr 2013 wurde in Baden-WĂŒrttemberg als einzigem FlĂ€chenland keine einzige Anlage gebaut. Die GrĂŒnde sind vielfĂ€ltig. Die Unsicherheiten liegen unter anderem im Planungsrecht das zuweilen Unsicherheiten schafft.

Wirtschaftlichkeit der Windkraftanlagen

Wenn auch das Thema Wirtschaftlichkeit der Windkraftanlagen in erster Linie fĂŒr Investoren und Energieunternehmen Relevanz hat, kommt ihm doch auch bei der Planung von Windenergieanlagen in der NĂ€he von FlugplĂ€tzen Bedeutung zu, zumindest bei der AbwĂ€gung evtl. widerstreitender Interessen, die es zu berĂŒcksichtigen gilt. WindrĂ€der in der NĂ€he von FlugplĂ€tzen bringen gerade wegen ihrer Höhe immer Belastungen fĂŒr den bestehenden Betrieb mit sich. Immerhin handelt es sich um Bauwerke, die bis dato – so z. Bsp. TĂŒrme/ Sendemasten etc. - nur in großen AbstĂ€nden zu FlugplĂ€tzen ĂŒberhaupt errichtet werden konnten. EinschrĂ€nkungen fĂŒr bestehende FlugplĂ€tze sind daher nicht akzeptabel, wenn die mangelnde Wirtschaftlichkeit den energiepolitischen Sinn einer Windkraftanlage nicht gewĂ€hrleistet.

Der Windatlas Baden-WĂŒrttemberg basiert auf dem WAsP Modell. Es handelt sich um „errechnete“, d.h. am Computer modellierte Windwerte die je nach GelĂ€ndeform stark abweichen können. Das WAsP System (Windatlas Application and Analysis Programm) das in DĂ€nemark in den 80er Jahren entwickelt wurde ist ein sehr vereinfachtes Strömungsmodell. Es ist fĂŒr komplexes (hĂŒgeliges) GelĂ€nde wie wir es in SĂŒddeutschland haben nicht geeignet. Besser ist hier das CFD Verfahren (Computational Fluid Dynamics). Es hat seinen Ursprung in der Strömungssimulation fĂŒr Flugzeuge, Autos usw. Das Bundesland Rheinland-Pfalz hat aus den vorgenannten GrĂŒnden im Juli 2013 einen Windatlas auf CFD Basis veröffentlicht, der komplexes GelĂ€nde besser abbildet. Im Grenzgebiet zur Schweiz hat sich gezeigt, dass z.B. die Bergkuppe „Randen“ die im Baden-WĂŒrtt. Windatlas mit 6,5 m/sec als mittlere Windgeschwindigkeit ausweist im Schweizer Windatlas nur 5,5 m/sec aufweist. Dieser Meter Differenz ist aber entscheidend fĂŒr die Wirtschaftlichkeit einer WKA. Tendenziell ist also der Bad.-WĂŒrtt. Windatlas zu hoch angesetzt.

Im September 2013 wurden die Windmessergebnisse (Windmessmast) im Raum Meßkirch voröffentlich mit einer Abweichung von mehr als 35 % vom Windatlas , d.h. heißt der Wind weht dort nur mit 4,7 m/sec nicht wie im Windatlas angegeben mit 5,5 bis 6 m/sec. Der Planungsverband hat sich aufgrund dieser Messergebnisse von den WindkraftplĂ€nen zurĂŒckgezogen, da von Fachleuten fĂŒr den wirtschaftlichen Betrieb einer WKA eine mittlere Windgeschwindigkeit von mindestens 6 m/sec in Nabenhöhe gefordert wird. Diese FĂ€lle hĂ€ufen sich nachdem nach und nach die Windmessergebnisse bekannt werden: Im SĂŒdschwarzwald am Belchen wurden nicht 6,5 m/sec wie im Windatlas angegeben gemessen sondern nur 4,9 m/sec in Nabenhöhe.

Somit sind die Ergebnisdaten des Windatlasses in der vorliegenden Form keine belastbare Grundlage fĂŒr die Ausweisung von Vorranggebieten. Dass der Windatlas sehr mit Vorsicht zu verwenden ist zeigt sich auch daran, dass er im betriebswirtschaftlichen Teil fehlerhaft ist. Auf Seite 49 ist eine beispielhafte Amortisationsrechnung aufgefĂŒhrt bei der die Verzinsung des Projektes vergessen wurde. Im neuen Windkrafterlass, das ist das Textwerk zum Windatlas (vom 9.5.12) wird jedoch ausdrĂŒcklich auf eine angemessene Verzinsung hingewiesen (Seite 14).

Artenschutz und Windkraft

Im Konflikt Artenschutz und Windkraft haben die Irritationen um den „Rotmilan“ in Horb ĂŒber die Landesgrenzen hinaus hohe Wellen geschlagen. Der Rotmilan genießt einen Schutz von 1000 Meter (Suchraum 6000 m um den Horst, weil 60 Prozent des weltweiten Vorkommens in der Bundesrepublik liegt.) Obwohl die dortige starke Rotmilan-Population seit geraumer Zeit bekannt und dokumentiert war, ist der PlanungstrĂ€ger erstaunt ĂŒber den Planungsstopp den das RegierungsprĂ€sidium Karlsruhe verhĂ€ngt hat. Das RegierungsprĂ€sidium begrĂŒndet unter anderem die Genehmigigungsversagung damit, dass es sich bei der strittigen Windkraftkonzentrationszone um eine ausgesprochenes „Dichtezentrum“ des Rotmilans handelt, ohne dass bislang eine Definition des Begriffs „Dichtezentrum“ und eine Rotmilan-Kartierung vorliegt. Die Richtlinien fĂŒr Dichtezentren sind derzeit nicht öffentlich zugĂ€nglich, werden aber dem PlanungstrĂ€ger zur Beachtung auferlegt.

Dieser Fall zeigt exemplarisch dass die Verlagerung der Planungshoheit von den RegionalverbĂ€nden in die Kommunen hinein problematisch ist, auch weil dort teilweise das umfangreiche planungsrechtliche Know How fehlt, (was mache Kommunen offen zugeben).Die Verwaltung der Stadt Horb empfiehlt daher den Kommunen die aktuelle Vorranggebietsplanung zu stoppen und die Fortschreibung der TeilflĂ€chennutzungsplĂ€ne in Baden-WĂŒrttemberg solange auszusetzen, bis fundierte Richtlinien ĂŒber den Artenschutz auf kommunaler Ebene vorliegen.

Es gilt also festzuhalten: der Rotmilan gilt derzeit als k.o. Kriterium, wĂ€hrend die Fledermausvorkommen durch entsprechende Abschaltzeiten an windschwachen Tagen verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig leicht in den Griff zu bekommen sind.

Die Luftsportler anerkennen das Erfordernis alternativer Energiegewinnung auch unter Nutzung der Windenergie. Gerade der Luftsport, der ja maßgeblich vom Segelflug geprĂ€gt ist, kann sich ja schon lange auf die Fahnen schreiben, umweltbewusst und ökologisch und ökonomisch große Strecken zurĂŒckzulegen. Die optimale Nutzung der Energie der Sonne und des Windes steht bei den Luftsportlern immer schon im Vordergrund. Und es waren ja auch MĂ€nner wie Ulrich HĂŒtter, die ihre Erkenntnisse nicht zuletzt aus der Entwicklung von Segelflugzeugen bei der Konstruktion und Entwicklung der Windradtechnologie einsetzten. Prof. Dr. Ulrich HĂŒtter war es der an der UniversitĂ€t Stuttgart die erste Windkraftanlage in Serie geplant und gebaut hat.

Gleichwohl ist der Luftsport gehalten und berechtigt, in den FĂ€llen, wo sicherheitsrelevante Gesichtspunkte den Luftsport und FlugplĂ€tze gefĂ€hrden, seine Bedenken geltend zu machen und sich in enger Abstimmung mit den Luftsport treibenden Vereinen um einvernehmliche Lösungen mit den PlanungstrĂ€gern und Luftfahrtbehörden zu bemĂŒhen.