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Windkraft - Abstandsregel zu Flugplätzen - wann lichtet sich der Nebel?

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Abstandsregelung von Windkraftanlagen in Flugplatznähe

29.4.17 Zur Abstandsregelung von Windkraftanlagen in Flugplatznähe habe ich in AVIATION NEWS in der Ausgabe 1/2016 in einem Bericht Stellung genommen und auf das Fachgutachten der FH Aachen unter Prof. Ing. Dr. Frank Janser verwiesen das seit 15.12.2015 vorliegt. Mit erheblicher Verspätung hat sich der Bund-Länder Fachausschuß unter Leitung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) am 10.2.17 mit dem Inhalt des Gutachtens befasst. Prof. Dr. -Ing. Frank Janser konnte das Gutachten vortragen, allerdings wurde - zeitlich versetzt - ein Gegengutachten ebenfalls vorgestellt. Dadurch wurde weder eine Diskussion der Gutachten im Bund-Länder-Fachausschuß ermöglicht, noch waren Vertreter der betroffenen Luftfahrtverbände zugelassen. Die fehlende Einbindung der Luftsportverbände, sowie die Verhinderung einer Diskussion zwischen den Gutachtern, den betroffenen Verbänden und Vertretern des BMVI sind auf wenig Verständnis gestoßen.

Die bisherige Regelung, herausgegeben vom Bundesverkehrsministerium am 3. August 2012, hat in Abstimmung mit der Deutschen Flugsicherung (DFS) in „Nachrichten für Luftfahrer“ (NfL) 1 92/13 eine Abstandsregelung von 400 Meter zum Gegenanflug und 850 Metern zu den anderen Teilen der Platzrunde zu Grunde gelegt (gemeinsame Grundsätze des Bundes und der Länder für die Anlage und den Betrieb von Flugplätzen für Flugzeuge im Sichtflugbetrieb). Im vorgenannten Gutachten wird nachgewiesen, dass dieses Verfahren nicht geeignet ist, in allen Betriebsarten einen sicheren Flugbetrieb in Flugplatznähe zu gewährleisten.

Verwirrung um neue Abstandsregel

Im Oktober 2016 hatte ein NfL 1-847-16 kurzzeitig für Verwirrung in Fachkreisen gesorgt, da zur „Festlegung von Mindestabständen von Hindernissen zu festgelegten Sichtflugverfahren“ überraschend neue, grössere Abstände zu Windkraftanlagen vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur bekannt gegeben wurden. Es heißt dort: „Unbeschadet der Anforderungen an die Hindernisbegrenzung sollen im Bereich der nach §33 Luftverkehrs-Ordnung festgelegten Flugverfahren für Flüge nach Sichtflugregeln keine Hindernisse vorhanden sein, die die sichere Durchführung des an- und abfliegenden Luftverkehrs nach Sichtflugregeln gefährden können. Von einer Gefährdung des an- und abfliegenden Flugverkehrs nach Sichtflugregeln ist grundsätzlich dann auszugehen, wenn luftrechtlich relevante Bauwerke oder sonstige Anlagen innerhalb eines Bereiches von 1000 m zu jeder Seite der festgelegten Flugverfahren errichtet werden sollen. Im Bereich um Pflicht- u. Bedarfsmeldepunkte trifft dies für einen Radius von 2000 m zu. Die Beurteilung im Einzelfall, ob und inwieweit Bauwerke oder sonstige Anlagen die Durchführung des an- und abfliegenden Luftverkehrs nach Sichtflugregeln beeinträchtigen, soll auf Grundlage einer Stellungnahme der zuständigen Flugsicherungsorganisation erfolgen.“

Diese NfL, ursprünglich für kontrollierte Flugplätze gedacht, wird in Ermangelung klarer Vorgaben vom BMVI von manchen Luftfahrtbehörden in Süddeutschland auch bei nichtkontrollierten Flugplätzen zur Anwendung gebracht. Darüber hinaus haben einige Luftfahrtbehörden als Konsequenz aus dem Flugunfall in Melle (Zusammenstoß eines Flugzeuges mit einem Windradgittermast – Pilot tödlich verunglückt) ihre Zustimmung nach § 14 LuftVG solange verweigert bis dieser Flugunfall durch die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung untersucht ist. Damit an allen Flugplätzen die Flugsicherheit gewährleistet wird, ist dringend eine neue Abstandsregelung erforderlich! Hierzu gehört folgender Regelungsbedarf:

  • Die starre Abstandsregelung 400/850 m zur Platzrunde (NfL 1-92/93) ist ungeeignet und muss durch eine flexible ersetzt werden (siehe Gutachten FH-Aachen), damit wird auch künftigen Entwicklungen entsprochen

  • Im Genehmigungsverfahren zur Errichtung von Windenergieanlagen müssen, ausser der Platzrunde, die flugbetrieblichen Erfordernisse bei der Abstandsfestlegung ebenfalls berücksichtigt werden (Thermiksuchgebiet, Übungsraum, Ausweichvollkreise, Hangfluggebiete usw.) Durch die Beachtung der Besonderheiten jeder Flugbetriebsart (Motorflug, Segelflug, Fallschirmspringer usw.) und daraus entstehenden unterschiedlichen notwendigen Abständen zu Windenergieanlagen wird dem Ausbau der Windenergie der notwendige Raum gegeben, ohne die Flugsicherheit zu gefährden. Ein guter Kompromiss ist möglich, jetzt ist der Gesetzgeber in der Pflicht!

Gutachten der FH Aachen: Windenergieanlagen in Flugplatznähe

Gutachten: WINDENERGIEANLAGEN IN FLUGPLATZNÄHE Fachbereich 6 Luft- und Raumfahrttechnik, FH Aachen, Prof. Dr.-Ing. Frank Janser

Der Baden-Württembergische Luftfahrtverband e.V. legt das Gutachten der FH Aachen zur Feststellung notwendiger Mindestabstände von Windkraftanlagen zu Flugbetriebsräumen an Flugplätzen der Allgemeinen Luftfahrt vor. Das Gutachten wurde von AOPA und DAEC gemeinsam initiiert. In der betreuenden Arbeitsgruppe haben neben AOPA und DAEC auch die IDRF mitgewirkt. Die „friedliche Koexistenz" von Windkraftanlagen und Flugplätzen wird in den kommenden Jahren eine wesentliche Bedeutung für die Realisierung der Energiewende haben. Die dafür bereitzustellenden Freiflächen haben einen erheblichen Einfluss auf den Schutz der Allgemeinen Luftfahrt, eine sichere und unfallfreie Ausbildung und die Ausübung sämtlicher Luftsportarten.
Getragen von diesem Gedanken konnten die wesentlichen Interaktionen zwischen Luftfahrzeugen und Windkraftanlagen im vorliegenden Gutachten beleuchtet werden. Daraus wurde eine, aus dem Spannungsfeld von Hindernisfreiheit, Pilotenbelastung und sicherer „Fliegbarkeit" entwickelte Emp-fehlung abgeleitet.

Bildbeschreibung

Foto: WindForS Universität Stuttgart

Die Mindestabstände von Hindernissen sind derzeit in NfL I 92/13 mit 400 m zum Gegenanflug und 850 m zu allen übrigen Abschnitten der Platzrunde festgelegt. Diese Abstände mögen bei einem statischen Hindernis ausreichend sein. Vor den dynamischen Auswirkungen von Windenergie-anlagen schützen sie nicht. Auch die Standardverfahren zum Einflug in die Platzrunde und das Fliegen von Vollkreisen im Gegenanflug sind mit derart geringen Abständen nicht möglich. Ferner nehmen Hindernisse im Ab-stand von 400 m zur Platzrunde in unzulässiger Weise Möglichkeiten zum Vermeiden von Kollisionen durch Ausweichen.

Windkraftanlagen sind ein dynamisches Hindernis Windenergieanlagen müssen aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften als dynamische Luftfahrthin-dernisse aufgefasst werden, denn sie verursachen eine signifikante Störung des Windes, dem turbulenten Nachlauf. Betrachtet man eine Windenergieanlage als Luftfahrthindernis, darf man daher nicht nur die bloße äußere Form der Windenergieanlage, also Mast und Rotor, als Bewertungskriterium zugrunde legen. Das tatsächliche „dynamische Hindernis“ ist unter Berücksichtigung der dynamischen Einflüsse ein Zy-linder mit einem Radius vom siebenfachen Rotordurchmesser und einer Höhe, die der Anlagenhöhe zuzüglich 15 % des Rotordurchmessers entspricht. Erst außerhalb dieses Zylinders treten keine, für den Luftverkehr gefährlichen, Luftströmungen mehr auf.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass bereits heute Windenergieanlagen mit 150 m Rotordurchmesser gebaut werden. Rotoren bis 250 m Durchmesser sind in der Entwicklung und Rotordurchmesser bis 400 m für die Zukunft angedacht. Eine Windenergieanlage mit einem 150 m Rotor wäre demnach ein dynamischer Hinderniszylinder mit 1050 m Radius bzw. 2.100 m Durchmesser und einer Höhe von ca. 230 m. Bei einem 250 m Rotor hätte der Hinderniszylinder schon einen Durchmesser von 3.500 m und eine Höhe von ca. 350 m.

Ein Pilot kann die Entfernung zu Windenergieanlagen – insbesondere aufgrund ihrer drehenden Rotoren, aber auch wegen der gleichen äußeren Form bei signifikanten Größenunterschieden – nur sehr schwer abschätzen. Die unterbewusste Gefährdung ist signifikant höher, sodass mehr Aufmerksamkeit für die Wahrung eines ausreichenden Abstandes verwendet wird. In Platznähe unterbleiben so die ordentliche Anflugvorbereitung und Beobachtung des übrigen Verkehrs. Hieraus ergeben sich weitere Unfallgefahren.

Das Gutachten hat dargestellt, dass bereits bei einem Rotordurchmesser von 150 m, unter Berücksichtigung aller erforderlichen Effekte und Sicherheitsabstände, ein Abstand von bis zu 4,5 km zwischen Windenergieanlage und Landebahn erforderlich wird.

Die Bauschutzbereiche in heutiger Form schützen Flugplätze nicht vor unzumutbaren Einschränkungen aufgrund neu errichteter Windenergieanlagen in der Umgebung. Sie sind in ihrer Geometrie und von ihren Eigenschaften her nicht mit Hinblick auf Windparks und dynamische Hindernisse in Form von Windenergieanlagen ausgelegt. Bauschutzbereiche können den Luftverkehr nur dann vor den Auswirkungen von Windenergieanlagen schützen, wenn der oben beschriebene Hinderniszylinder als Referenz für die Durchdringung von Hindernisfreiflächen verwendet wird.