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Aus dem Interview mit der Schwäbischen Zeitung (Redaktion Sigmaringen)

Von Ignaz Stösser

Region Hansjörg Jung, der Windkraftbeauftragte des baden-württembergischen Luftfahrtverbands sieht bei der Umsetzung der Windkraftpläne der grün-roten Regierung viele Probleme auf die Regionen zukommen. Die Gemeinden in der Alb-Lauchert-Region sind davon besonders betroffen. Der Wind ist einfach zu schwach. Windräder können hier nicht wirklich wirtschaftlich betrieben werden. Gleichzeitig soll der Bau aber forciert werden. Bis Ende des Jahres sollen die Kommunen Pläne mit möglichen Standorten vorlegen.

Sowohl der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben als auch die Kommunen gehen beim Aussuchen der passenden Standtorte für Windräder von einer Windgeschwindigkeit von 5,5 Meter pro Sekunde aus. Um eine halbwegs ordentliche Rendite abzuwerfen, braucht ein Windrad aber Windgeschwindigkeiten von sechs Meter pro Sekunde. Diese Geschwindigkeiten werden selbst auf den besten Standorten in den Alb-Lauchert-Gemeinden nur selten erreicht.

Doch die Kommunen stehen unter dem Druck, möglichst viele Flächen auszuweisen, weil das die Landesregierung so will und dies im Windenergieerlass so festgehalten ist. Darum greifen die Bürgermeister und die planenden Büros zurzeit zu einem Trick. Sie untersuchen alle Flächen, wo der Wind mit 5,5 Meter pro Sekunde weht.

Windhöffigkeit wird zu hoch eingeschätzt

Ähnliches passiert zurzeit im ganzen Ländle, weiß Hansjörg Jung. Er kennt mehrere Studien, die die sogenannte Windhöffigkeit viel zu hoch einschätzen. Ein Vergleich zwischen der Auslastung der Windräder in Baden-Württemberg und jener im Rest der Republik bestätigt das. „Vergleicht man die Volllaststunden der bestehenden Anlagen der Jahre 2004 bis 2011 in Baden-Württemberg (1155) mit dem Bundesdurchschnitt der Anlagen (1545), so zeigt sich dies deutlich“, schreibt Hansjörg Jung in einem Leserbrief in der Stuttgarter Zeitung.

Der Binger Bürgermeister Jochen Fetzer, der der Windkraft sehr positiv gegenübersteht, bedauert, dass die Stuttgarter Regierung in ihrem Bestreben, der Windkraft Vorschub zu leisten, keine klaren Aussagen macht. In dem Windenergieerlass heiße es: Die Kommunen sollten der Windkraft „substanziellen Raum“ einräumen. Doch das Wort substanziell werde nicht näher erläutert. „Das ist rechtlich gesehen alles schwammig, matschig, eine dehnbare Masse“, meint Fetzer.

Ärger wird es voraussichtlich auch geben, weil dann doch nicht überall da gebaut werden kann, wo der Regionalverband und die Kommunen Flächen ausweisen. Die Windwerte müssen nämlich durch ein akkreditiertes Windgutachten abgesichert werden, bevor die Baugenehmigung erteilt wird und die Banken zu Krediten bereit sind. Laut Hansjörg Jung geben Banken in Rheinland-Pfalz beispielsweise keine Kredite für den Bau von Windkraftanlagen, wenn nicht eine Windgeschwindigkeit von sechs Meter pro Sekunde nachgewiesen wird.

Jung weist auf ein weiteres Problem hin. Die Abstandsregelung zur Wohnbebauung wird seiner Ansicht nach zu vielen Klagen führen. „Die Gerichte im Lande werden viel Arbeit bekommen“, prophezeit er. In keinem anderen Bundesland ist der Abstand zur Wohnbebauung so gering wie in Baden-Württemberg. Er ist auf 700 Meter festgelegt. In Nordrhein-Westfalen sind es 1500 Meter, in Rheinland-Pfalz, Hessen und anderen Bundesländern 1000 Meter, in Bayern 500 bis 800 Meter gestaffelt. In Großbritannien gelten 3000 Meter und die Weltgesundheitsbehörde fordert 2000 Meter.

Quelle: Schwäbische Zeitung

Albstadt "Flugbetrieb wäre erheblich gefährdet"

Schwarzwälder Bote 11.8.14

Albstadt "Flugbetrieb wäre erheblich gefährdet"

Bildbeschreibung

Das umrandete Gebiet zeigt die Start- und Landebahn auf dem Degerfeld. Links oben im Bild ist Hermannsdorf zu sehen, in dessen Nähe die "Küche" liegt, am rechten Bildrand die Gemeinde Bitz. Foto: LSV Degerfeld Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Karina Eyrich

Albstadt-Tailfingen. Windräder – fast so hoch wie der Stuttgarter Fernsehturm, und das am Albtrauf? Für den Luftsportverein Degerfeld wäre das, was ein Teilflächennutzungsplan Windkraft der Stadt Burladingen ermöglichen soll, mehr als eine optische Störung, sondern gefährlich.

"Landschaftlich wäre der Bau von Windrädern dort eine Katastrophe", sagt Guido Voss. "Vielen Bürgern ist offenbar noch gar nicht bewusst, dass da oben ›Denkmäler‹ entstehen sollen, die fast so hoch wären als der Stuttgarter Fernsehturm" – er misst 217 Meter.

Doch die optischen Auswirkungen des möglichen Baus von Windrädern sind es nicht in erster Linie, die den Vorsitzenden des Luftsportvereins Degerfeld (LSV) und seine Flieger-Kameraden stören würden: Sollte es der Stadt Burladingen gelingen, im so genannten Gewann "Küche" bei Hermannsdorf Windkraft-Standorte auszuweisen und sollten dort Anlagen entstehen, dann müsste der LSV aus Sicherheitsgründen seine so genannte Platzrunde – sie dient der Sicherheit beim Landeanflug und dem Lärmschutz für Wohngebiete in der Umgebung – verlegen, um den Flugplatz Degerfeld überhaupt noch nutzen zu können. Der Teilflächennutzungsplan Windkraft liegt derzeit im Rathaus der Stadt Burladingen aus, und noch bis zum 8. September können Bürger dort Einsicht und Stellung dazu nehmen.

Mayer: Anhörung nicht absichtlich in den Ferien

Ob die Stadt die Anhörungsfrist bewusst in die Sommerferien verlegt hat? Melanie Mayer vom Bauamt Burladingen verneint. Tatsächlich jedoch stellt der Zeitpunkt, in dem die Pläne ausliegen – vom 8. August bis 8. September – den LSV vor Probleme. Denn sowohl Voss als auch Rechtsanwalt Norbert Erbe, Beisitzer im LSV-Vorstand und mit der Angelegenheit betraut, haben Urlaub gebucht.

Neben ihnen beschäftigt sich allerdings auch Hansjörg Jung, der Windkraft-Experte des Baden-Württembergischen Luftfahrtverbandes (BWLV), mit der Angelegenheit. Er prüft derzeit die Abstände des geplanten Vorranggebietes für Windkraft zur Platzrunde, die der LSV braucht, um auf dem Degerfeld starten und landen zu können: 150 Meter über Grund sind dafür nötig.

"Wir verfassen eine fachliche Stellungnahme dazu", erklärt Jung gegenüber dem Schwarzwälder Boten. "Dazu brauchen wir aber zuerst einmal eine Windmessung." Denn der Windatlas (siehe Stichwort) – er identifiziert jene Gebiete, die sich für Windkraftanlagen eigenen – sei in Skandinavien entwickelt worden und für flaches Gelände geeignet. Nur eine Messung mit Hilfe eines Messmastes – er muss zwei Drittel der Nabenhöhe künftiger Windkraftanlagen haben – sei sinnvoll, um tatsächlich die Tauglichkeit des Standortes festzustellen. Zum Vergleich: "In Meßkirch hat der Windatlas mehr als sechs Meter pro Sekunde angezeigt, laut Messung waren es jedoch nur 4,7 Meter", so Jung: "Ich habe noch nie erlebt, dass die Messung mehr anzeigt als der Windatlas."

Melanie Mayer hingegen sieht keinen Grund zur Besorgnis. "Wir setzen nur die Landespolitik um und stellen einen Teilflächennutzungsplan Windkraft auf, um das zu steuern", sagt sie mit Blick auf den Bau von Anlagen. Ausdrücklich betont sie: "Bisher gibt es weder Bauanträge noch irgendwelche Höhenangaben (von Anlagen, Anm. d. Red.)" – diese stünden erst dann fest, "wenn jemand Interesse hat". Eine Aussage von Bürgermeister Harry Ebert im Gemeinderat der Stadt Burladingen steht dem allerdings entgegen: Es gebe täglich Anfragen potenzieller Betreiber, hatte der Bürgermeister im Gemeinderat betont.

In Burladingen hat die Diskussion inzwischen ebenfalls Fahrt aufgenommen: Kurz vor der Sommerpause waren Anlieger des Gewanns "Küche" in der Gemeinderatssitzung gewesen, in welcher ursprünglich die Aussetzung des Beschlusses auf öffentliche Auslegung gestanden hatte. Die Verwaltung jedoch hatte diesen Beschluss kurzerhand von der Tagesordnung gekippt. Harry Ebert hatte in der Sitzung gesagt, dass Wasserschutzgebiete der Zone II von Windkraftanlagen freizuhalten seien, womit der größte Teil des Gewanns "Küche" ausscheide. Der Rest der Fläche jedoch sei Teil des Auslegungs- und Anhörungsverfahrens, in dessen Rahmen laut Melanie Mayer auch der LSV Degerfeld angeschrieben worden ist.

Auch die Anwohner der "Küche" kochen

Ebenfalls ins Verfahren einbezogen wird ein Gutachten von Erhard Schlabach, Professor für Verwaltungsrecht in Kehl. Er hatte den Küche-Anwohnern bescheinigt, dass ihr Weiler ein Innenbereich sei und daher – wie andere Ortschaften auch – darauf Anrecht habe, dass ein Kilometer Abstand zwischen Wohnbebauung und Windkraftanlagen besteht.

Neben "Küche" gibt es laut Melanie Mayer derzeit zwei weitere Konzentrationszonen, die zur Debatte stehen: an der Grenze zwischen Stetten und Melchingen – das Gebiet "Telle" – sowie auf der Gemarkung Ringingen mit dem Gebiet "Ringelstein". Alle drei sind im Teilflächennutzungsplan ausgewiesen, den das Balinger Büro "Dr. Grossmann Umweltplanung" im Auftrag der Stadt erstellt hat.

"Solch eine Planung kostet sehr viel Geld", sagt Flieger-Chef Guido Voss. "Das macht man sicher nicht einfach so, ohne dass man diese Anlagen bauen möchte." Seine Sorge: "Wenn die Planungen erst einmal abgeschlossen sind, kann ein Bau der Anlagen nicht mehr verhindert werden – ähnlich wie bei ›Stuttgart 21‹. Wenn nicht bereits in der Planungsphase entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, ist das Kind sicher ziemlich schnell in den Brunnen gefallen."

Südwestliche Anliegerkönnten betroffen sein

Auf den LSV sieht der Vorsitzende eine "erhebliche Gefährdung des Flugbetriebs" auf dem Degerfeld zukommen, das seit Mitte der 1930er Jahre als Flugplatz genutzt wird und wo seit 1956 die erste Halle steht. "Es könnte sein, dass wir unsere Platzrunde ändern müssten", sagt Voss mit Blick auf die erforderlichen Sicherheitsabstände. "Bisher haben wir die Platzrunde so gelegt, dass möglichst wenig Menschen gestört werden." Bitz, Truchtelfingen und Tailfingen sind die nächsten Anlieger des Degerfelds auf der südwestlichen Seite, gegenüber dem Gewann "Küche".

(key). Auf seiner Internetseite www.thinkaero.de hat Hansjörg Jung, Windkraftexperte des Baden-Württembergischen Luftsportverbands, Wissenswertes zum Thema Windkraft im Umfeld von Plätzen dargestellt:

  • Der Windatlas Baden-Württemberg, 2011 vom TÜV Süd erstellt, ist laut Jung errechnet. Die Windwerte seien am Computer modelliert und könnten, je nach Geländeform, stark abweichen, weshalb eine Absicherung durch eine Messung – am besten mittels Messmast – empfehlenswert sei. Zudem basiere der Atlas auf dem so genannten WAsP-System, das in den 1980er Jahren in Dänemark entwickelt wurde und auf komplexes hügeliges Gelände nicht übertragbar sei. Jungs Fazit: Wer sich auf das WAsP-System verlasse, gehe das Risiko ein, dass seine Windkraftanlage nicht wirtschaftlich arbeite. Im südwestdeutschen Raum seien die Abweichungen zu tatsächlichen Messungen die Regel – Jung nennt dafür zahlreiche Beispiele. Das Kölner Gutachterbüro EuroWind, das im Auftrag des Regionalverbands Südlicher Oberrhein den Windatlas mit anderen Methoden verglichen hat, komme zum Ergebnis, dass das Gutachten des TÜV Süd methodische Mängel erkennen und viele Fragen offen lasse.

  •  Wind-Versatz: Die Schleppstrecken für Flugzeuge gehören laut Jung nicht zur Platzrunde, könnten aber durch Windkraftanlagen in Flugplatznähe stark beeinträchtigt werden. Für den Flugzeugschleppbetrieb seien Windräder wegen Turbulenzen im Nachlauf des Rotors je nach Windstärke eine erhebliche Gefahrenquelle. Bei zehn Kilometern Wind pro Stunde wird ein Segelflugzeug laut Jung pro Kreis um rund 170 Meter abgetrieben, nach fünf Kreisen also 850 Meter weit.