Entfesselter Windkraftausbau zu Lasten von Mensch, Natur und Landschaften
Abendveranstaltung der Bürgerinitiative Ehningen mit Vortrag von Dr. Wolfgang Epple am 04.10.2024
Auf Einladung der BI Ehningen referierte am 4.10.24 der bundesweit bekannte Biologe Dr. Wolfgang Epple in der mit über 200 Zuhörern gut gefüllten ehemaligen Wallfahrtskirche in Mauren zum derzeit im Kreis Böblingen brandaktuellen Thema der Auswirkungen des entfesselten Ausbaus der Windkraft auf Mensch und Natur. Mit Hinweis auf Begründung des Ausbaus der Windkraft im Landkreis als Beitrag zur „Klimarettung“ spannte der Referent den Bogen seines Vortrags bis hin zu den neokolonialistischen Tendenzen im Rahmen der Großen Transformation. Im Fazit ermutigte er die Zuhörer, die zum Teil mehrere Hundert Kilometer angereist waren, sich zu Heimatverbundenheit zu bekennen. Die Schönheit einer einzigartigen Landschaft, wie des Maurener Tals, sei es wert, auch mit den inneren Werten der Menschlichkeit verteidigt zu werden. Menschen auf der ganzen Welt hätten das Recht, sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensräume vor der Haustür zu wehren.
Verlust des landschaftlichen Tafelsilbers
Dr. Wolfgang Epple ist in Rohrau aufgewachsen und kennt Schönbuch und Gäu, und besonders das Maurener Tal seit seiner Kindheit. In seinem packendem Vortrag machte er unmissverständlich klar, dass die Errichtung von Windkrafträdern in etlichen von der Regionalplanung avisierten „Eignungsgebieten“ im Landkreis Böblingen und darüber hinaus den angrenzenden Gebieten zur Entwertung letzter intakter Landschaft führe. Die Windkraftindustrialisierung des von der Zersiedlung bisher verschonten „Tafelsilbers“ – er nannte für den Kreis konkret das Maurener Tal und den Spitalwald in Herrenberg - wiege besonders im dicht bebauten Kreis Böblingen schwer. Mit Blicken vom Schönbuchturm Richtung Schwäbische Alb und Ballungsraum Böblingen/Sindelfingen zeigte Dr. Epple, dass und wie die freien Waldhorizonte wertbestimmend für eine intakte Landschaft und Lebensqualität sind. Sollte auch nur ein Teil der Windindustriegebiete auf den Eignungsflächen der Regionalplanung errichtet werden, werde dies die gesamte Landschaft des Großraums final beeinträchtigen.
Defizitäre Rechtslage: Keine ergebnisoffene Schutzgüterabwägung, keine Landschaft ist mehr sicher – verfassungsrechtliche Bedenken
Der Referent ging ausführlich auf die für den Schutz der Natur fatalen Defizite der Rechtslage ein: Durch das Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG 2021/2023), das Wind-an-Land-Gesetz (WaLG), das Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG) und begleitende Änderung des BNatschG (2023) wurde der Natur -und Artenschutz und selbst die Gesundheitsvorsorge für die Menschen den erneuerbaren Energien untergeordnet. In der Folge sei bundesweit keine Landschaft mehr sicher vor Windkraftindustrialisierung, der Landschaftsschutz in Deutschland praktisch abgeschafft, die über Jahrzehnte mühsam errungenen Rechtsvorschriften für den Artenschutz ausgehöhlt.
Das widerspreche dem Grundgesetz, insbesondere den dortigen Art. 20 a und Art.2 (2). Epple bezieht sich in seiner Kritik auf das sogenannte Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 24.03.2021. Schutz der Lebensgrundlagen, der Schutz der wilden Tiere, Generationengerechtigkeit, Güterabwägung, genauso das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit seien als Staatszielbestimmungen auch auf die Auswirkungen des entfesselten Ausbaus der erneuerbaren Energien anzuwenden. Der Staat habe dem Urteil des Verfassungsgerichtes folgend eine besondere Sorgfaltspflicht für diese Schutzgüter.
Konflikt Windkraft versus Naturschutz: Wenn wir die Natur schützen, tun wir etwas fürs Klima
Aktuelle Studien belegen: Nur noch 0,04 % der Flächen in Deutschland sind nicht von menschlicher Kultur beeinflusst. Freie Landschaft ist das knappste Gut. Bereits jetzt besteht eine Durchschneidung und Zerstückelung nahezu aller Wälder durch Straßen und Forstwege. Rückzugsgebiete für Wildtiere und die Erholungssuchenden werden immer weniger. Wolfgang Epple kritisierte einseitige Darstellungen der Erneuerbaren-Branche und hinterlegte in eindrücklichen Bildern, dass und wie viele Vögel den Rotorblättern der Windkraftanlagen zum Opfer fallen, und wie die enormen Verluste bei Fledermäusen neuen Studien zufolge längst zum weltweiten Problem werden. Das gesammelte Wissen zeige den Zusammenhang von Naturschutz und Bemühungen um den „Klimaschutz“. Statt den Naturschutz als Hindernis zu sehen, gelte: „Wenn wir die Natur schützen, tun wir etwas fürs Klima“. Die Erneuerbaren Energien aber erweisen sich als Treiber der Biodiversitätskrise. Hauptursache für den Verlust der biologischen Vielfalt, ihrerseits Hauptkennzeichen der ökologischen Krise, sei nicht die Erderwärmung, sondern vielmehr die Abholzung von Wäldern und der Verlust von Grünflächen, beruft sich Epple auf aktuelle Studien zu den planetarischen Grenzen aus führenden Zeitschriften wie „Science“ und „Nature“.
Energiewende verursacht weltweite Bergbauoffensive und Neokolonialismus, begleitet von Naturverwüstung und Menschenrechtsverletzungen
Epple erinnerte in der Übersicht seines zweistündigen Vortrages mit Blick auf die multiple „Krise des Anthropozäns“ an die globalen Zusammenhänge. Wenn die Entwertung hiesiger wertvollster Landschaften durch Windkraft mit der Weltrettung begründet werde, sei der Blick auf Auswirkungen unseres Handelns in unsere Nachbarländer bis hinaus in andere Erdteile sehr wohl berechtigt. So habe ein französisches Berufungsgericht die gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch benachbarte Windkraft anerkannt. Abstände von unter 1000 Metern zur Wohnbebauung und zu Arbeitsstätten grenzten an eine Verletzung der Menschenrechte. Die Erosion der Rotorblätter von Windkraftanlagen führt zur inzwischen erkannten auch von der Branche nicht bestreitbaren weiträumigen Streuung von schädlichem Mikroplastik und im Brandfall von lungengängigem Material in bisherigen Reinluftgebiete. Das Eingeständnis der Notwendigkeit von Backup-Kraftwerken führe nicht nur im Rahmen der „Kraftwerkstrategie“ zum Bau neuer Grundlast-Kraftwerke hierzulande – was lange abgestritten wurde. Vielmehr widerlege die zukünftige Abhängigkeit von Importen kritischer Rohstoffe für die Transformation in eine „All-Electric“-Zukunft den Mythos, erneuerbare Energien würden unser Land import-unabhängig machen. Am Beispiel der – ebenfalls importabhängigen - „Wasserstoffstrategie“ der Bundesregierung und des angestrebten Umstiegs auf „alles elektrisch“ zeigte Epple mit Berufung auf internationale Studien das Entstehen einer Bergbauoffensive bisher ungekannten Ausmaßes, die praktisch überall, von Lithium in Serbien bis Erzabbau in Westafrika auf Kosten der Lebensräume der letzten Menschenaffen besonders in den Ländern des globalen Südens ohne jede Rücksicht auf Natur und betroffene Menschen in Gang gesetzt werde.
Ethische Defizite im Diskurs
Wolfgang Epple beendete seinen Vortrag mit dem nachdrücklichen Hinweis auf die Berechtigung von Emotionen betroffener Menschen und das ethische Defizit im Diskurs. Der Blick allein auf CO2 im Zusammenhang mit dem Ausbau der Windkraft führe zu fachlich wie ethisch unhaltbaren Vergleichen. Die Vernichtung von 0,8 ha lebendigen Waldes für eine Windenergieanlage werde mit der „Einsparung“ des Treibhausgases durch Windenergie gerechtfertigt. Dass eine Windkraftanlage 400mal oder gar 1000mal die Fläche des zerstörten Waldes „ersetzen“ könne, sei ein zeitgeisttypischer, seelenloser Reduktionismus. Ein Zitat aus „Prinzip Verantwortung“, dem Hauptwerk des Begründers der Verantwortungsethik, dem großen Naturphilosophen Hans Jonas, beendete er den Vortrag, mit besonderem Blick auf den durch Windkraft bedrohten Wald:
„(…) Die Ehrfurcht allein, indem sie uns ein „Heiliges“, das heißt unter keinen Umständen zu Verletzendes enthüllt (…) wird uns auch davor schützen, um der Zukunft willen die Gegenwart zu schänden, jene um den Preis dieser kaufen zu wollen. (…) Ein degradiertes Erbe wird die Erben mit degradieren.“
Ausdrücklich ermutigte der Referent die Zuhörer, den Schmerz um den Verlust der geliebten Heimat zuzulassen, und entsprechend demokratisch legitimiert Einspruch zu erheben. Die Zuschauer dankten mit Standing Ovations.
Dr. Wolfgang Epple, promovierter Biologe und früherer Landesgeschäftsführer des NABU Baden-Württemberg , widmet sich seit über 50 Jahren dem Naturschutz. Mittlerweile ist er ehrenamtlicher wissenschaftlicher Beirat der Naturschutzinitiative e.V. Er befasst sich seit 24 Jahren vertieft mit dem Konflikt Windkraft-Naturschutz-Landschaftsschutz. Daraus ist eine über 500-seitige Metastudie für die Naturschutzinitiative e.V. entstanden:
Epple, W. (2021). Windkraftindustrie und Naturschutz. Windkraft-Naturschutz-Ethik. Eine Studie für die Naturschutzinitiative e.V. (NI), 544 Seiten. Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt.
Verantwortlich im Sinne des Presserechts:
Nicole Winter, Regina Nicolaidis
BI-Ehningen i.G.
pro Natur – Ehningen ohne Windräder
Impresssum: W.E.S. im Letten 19 - 71139 Ehningen