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Unbequeme Wahrheiten über die Offshore-Windenergie

13/11/2020 von Dr. Klaus Tägder

Es besteht die weit verbreitete Ansicht, irgendwo in Europa bläst immer hinreichend Wind für den Betrieb der Windkraftanlagen. Wenn nicht auf dem Festland, so dann aber bestimmt auf hoher See, auf der Nordsee. Eine Ansicht, die zu dem Schluss verleitet, es müsse nur genug Anlagen auf Land (Onshore) und auf See (Offshore) geben, um eine sichere, ausreichende Stromversorgung zu gewährleisten. Ein mächtiger Irrtum. Wir haben diesen Aspekt bereits wiederholt thematisiert, wegen neuerer Daten greifen wir ihn erneut auf.

Die Nordsee wird als Wiege und Herzstück der europäischen Offshore-Windenergie bezeichnet. Insgesamt sind Ende 2019 rd. 1.470 deutsche Offshore-Windenergieanlagen mit einer Gesamtkapazität von etwa 7500 Megawatt (MW) am Netz. Zusammen haben die Offshore-Windparks in Deutschland nach vorläufigen Daten der Übertragungsnetzbetreiber im Jahr 2019 rd. 24 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) Strom eingespeist [1]. Diese Einspeisung entspricht (nur) 4,1% der Netto-Stromerzeugung in Deutschland.

Der Ausbau der Offshore Windenergie in Deutschland liegt aktuell wegen fehlender Ausschreibungen brach. Am 06.11.2020 beschloss der Deutsche Bundestag Gesetzesvorhaben, die sowohl die Offshore-Windenergie als auch den Ausbau der Windenergie an Land betreffen. Im Gesetz ist die Zielerhöhung für den Ausbau der Offshore Windenergie festgeschrieben: Bis 2030 sollen 20.000 MW, bis 2040 dann 40.000 MW Leistung errichtet werden.

Bis 2030 soll der Stromanteil der erneuerbaren Energien an der Bruttostromerzeugung 65% betragen. Einen großen Teil davon muss die Windenergie beisteuern. Wie sicher kann sie das? Linnemann und Vallana [2] konnten belegen, dass europaweit die aufsummierte eingespeiste Leistung der über mehrere tausend Kilometer sowohl in Nord-Süd- als auch Ost-West-Richtung verteilten Windkraftanlagen hoch volatil ist. Ihr Fazit ist erschreckend: „Die intuitive Erwartung einer deutlichen Glättung der Gesamtleistung in einem Maße, das einen Verzicht auf Backup-Kraftwerksleistung ermöglichen würde, tritt nicht ein. …Windenergie trägt damit praktisch nicht zur Versorgungssicherheit bei und erfordert planbare Backup-Systeme nach heutigem Stand der Technik von fast 100 % der Nennleistung des ‚europäischen Windparks’, solange dessen Nennleistung die kumulierte Jahreshöchstlast der betreffenden Länder zuzüglich Reserven noch nicht überschritten sind.“ Die Backup-Leistungen werden von Kernkraftwerken und Fossilkraftwerken geliefert, wobei in Deutschland der nukleare Beitrag 2022 und die Kohleverstromung spätestens 2038 enden soll. Das Ergebnis der Linnemann/Vallana-Studie verdeutlichen die von Rolf Schuster/Vernunftkraft geschaffenen Grafiken am Beispiel der Windstrom-Erzeugung von Januar bis Oktober2020 (Abb.1) und – herausgehoben – in den Monaten Juni und Oktober 2020 (Abb.2).

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Abb. 1: Offshore-Stromleistung Januar bis Oktober 2020 (Gesamte Nordsee, alle Länder)

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Abb. 2: Offshore-Stromleistung in den Monaten Juni und Oktober 2020

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Abb. 3: Offshore-Stromleistung nur der Offshore-Parks von Deutschland und UK

Die etwas übersichtlichere Darstellung in Abb. 3 mit den Stromleistungen der Offshore-Parks von Deutschland und Großbritannien macht eine weitere Tatsache deutlich: Ausgesprochen selten und dann auch nur soeben erreichen die deutschen Offshore-Windkraftanlagen eine Leistung von 6.000 MW, bei einer installierten Leistung von 7.500 MW (s.o.). In der überwiegenden Zeit der Monate Januar bis Oktober 2020 schwankt die Leistung im Mittel (geschätzt) um 3.000 MW. Das unmittelbare Fazit aus diesen Darstellungen ist, dass auch der von der Bundesregierung geplante Ausbau der Offshore- Windparks auf 20.000 MW bzw. 40.000 MW nichts an diesen extremen Leistungsschwankungen ändern wird.

Die Bundesregierung stützt sich bei ihrer Beurteilung der Versorgungssicherheit auch auf den „gesamten europäische Markt“, wodurch die Versorgung sicherer sei als eine rein nationale. „Dies bedingt, dass sich die Nachbarn in Europa jeweils aufeinander verlassen“, so ihre Aussage bei Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage. Diese Aussage wird durch die dargelegte Betrachtung eindeutig und unmissverständlich widerlegt.

Zum Abschluss zwei wichtige Feststellungen: Die Bundesregierung geht im aktuellen Regierungsentwurf zur EEG-Novelle von einem nahezu unveränderten Bruttostromverbrauch bis 2030 aus, also von ungefähr 635 Terawattstunden (TWh), dem Mittelwert der letzten 5 Jahre. Der Bundesrat traf in den Ausschussempfehlungen eine mit 750 TWh „realistischere Annahme“ zum Bruttostromverbrauch im Jahr 2030.

Der BDEW-Vorsitzende Stefan Kapferer sieht in der Stromversorgungssituation Handlungsbedarf, aber „was aktuell an Zubau stattfindet, sowohl an erneuerbaren Energien als auch an Gaskraftwerken, kann nicht kompensieren, was an gesicherter Leistung mit dem schrittweisen Kohleausstieg und dem Kernenergieausstieg vom Netz geht.“

[1] https://www.offshore-windindustrie.de/windparks/deutschland [2] Thomas Linnemann, Guido S. Vallana, Windenergie in Deutschland und Europa, Teil 2: Europäische Situation im Jahr 2017, VGB PowerTech 10/2018

Potenzialatlas der Landesregierung

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Im Energieatlas der LUBW können die Übersichtskarten mit der Ortssuche ausgesucht werden. Die grünen Flächen zeigen die "geigneten" Flächen auf und die gelben Flächen die "bedingt" geeigneten Gebiete. Mit einer "Lineal Funktion" können in Google Earth Abstände zur Wohnbebauung ermittelt werden.

Leonberg Herdweg

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Windkraft Potenzialatlas des Landesregierung: Leonberg

Der Windkraftpotenzialatlas basiert auf dem Windtlas aus dem Jahre 2019. Insesamt sieht des Umweltministerium ein Flächenpotenzial für 20.000 Windräder. D.h alle 1,8 km steht ein Windrad.

Auf Leoberg entfallen 35 Windräder das ist 3,06 % der Gemeidefläche und beansprucht 149 ha.

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Autobahndreieck Blickrichtung Warmbronn

Windräder verzwergen die Kulturgüter

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Die Stiftkirche Herrenberg ist 71 m hoch. Das Windrad wurde maßstabsgerecht auf den Kirchplatz gestellt. Dort wird sich nie ein Windrad drehen.

Bildbeschreibung 13 Windräder umzingeln Deckenpfronn (aus der Überhöhung von Gechingen aus gesehen) 17,7 % der Gemeindefläche das sind 202 ha.

VGH-Urteil: Windkraftplanung am Oberrhein gescheitert

Stuttgarter Zeitung

Von Matthias Schmidt 24. November 2020 - 15:17 Uhr Baden-Baden und Ettlingen setzen sich im Rechtsstreit um den Regionalplan durch. „Sieben Jahre Arbeit sind damit Makulatur“, sagt der Verbandsdirektor.

Stuttgart - Die Begründung des Urteils liegt zwar noch nicht vor, klar ist aber, dass es gravierende Folgen haben wird. Der Verwaltungsgerichtshof von Baden-Württemberg (VGH) hat die Windkraftplanung des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein für unwirksam erklärt. „Damit ist die Arbeit von sieben Jahren Makulatur“, sagt Gerd Hager, der Direktor des Verbandes, der zwölf Standorte im Gebiet von Bühl über Baden-Baden, Rastatt, Karlsruhe bis Bruchsal für Windkraftanlagen reservieren wollte.

Auch die anderen Regionen Baden-Württembergs werden sich die Urteilsbegründung der Mannheimer Richter genau ansehen müssen, ehe sie ihre Pläne weiter vorantreiben. „Das Urteil zeigt, dass die Anforderungen an die Planung außerordentlich hoch sind“, sagt Thomas Kiwitt, der leitende technische Direktor des Verbands Region Stuttgart. Das Ziel der Regionalplanung im Blick auf Windräder ist es, gut geeignete Standorte zu identifizieren und als Vorranggebiete auszuweisen, was von den einzelnen Kommunen dann nicht übergangen werden kann. Scheitert eine über die ganze Region gelegte Planung, käme es zu lauter Einzelentscheidungen in den Kommunen. „Am Ende wird gar nicht mehr koordiniert, das wäre nicht gut für die Akzeptanz, und die rechtliche Unsicherheit wird immer größer“, sagt Kiwitt.

Bürger am Oberrhein formulieren mehr als 13 000 Einwendungen Am Mittleren Oberrhein sind die Pläne des Regionalverbandes von großer Skepsis der Bevölkerung begleitet worden. Hager berichtet von mehr als 13 000 Einwendungen, die bearbeitet werden mussten, die meisten davon mit Arten-, Schall- und Landschaftsschutz begründet. Man habe enormen Aufwand betrieben, um beispielsweise die Flugrouten von Vögeln zu dokumentieren, sagt Hager. Insgesamt wollte der Verband den Bau von Windrädern auf 720 Hektar (7,2 Quadratkilometer) Vorrangfläche ermöglichen, verteilt auf zwölf Standorte in der 2137 Quadratkilometer umfassenden Region.

Der Verwaltungsgerichtshof hat nun den Städten Baden-Baden und Ettlingen sowie der Gemeinde Malsch recht gegeben, die eine Normenkontrollklage gegen den Regionalplan angestrengt hatten. Vertreten wurden sie von der Kanzlei Cämmerer Lenz, deren Verwaltungsrechts-Experte Rico Faller vor einem Jahr schon ein anderes Aufsehen erregendes Grundsatzurteil in Sachen Windkraft erstritten hat. Der VGH erklärte damals das bis dahin in Baden-Württemberg angewandte Genehmigungsverfahren für rechtswidrig. Der Bau eines bereits genehmigten Windparks auf dem Höhenzug Länge bei Donaueschingen, wo die Waldfläche schon gerodet war, musste daraufhin gestoppt werden. Die Betreiberfirma muss das Genehmigungsverfahren von vorn beginnen, was mehrere Jahre Zeitverzug und Kosten im sechsstelligen Bereich bedeutet.

Klägeranwalt: Es geht um den Effekt, nicht um ein gutes Gefühl „Wir sehen uns in unserer Einschätzung bestätigt, dass bei dieser Planung weniger die Einhaltung von Recht und Gesetz maßgebend war, sondern eher die Umsetzung politischer Vorstellungen der Landesregierung“, kommentierte Faller das VGH-Urteil. Aus Sicht das Anwalts waren unzureichende Abwägungen und fehlerhafte Bewertungen in Hinsicht auf Klimaschutz, Landschaftsbeeinträchtigung, Immissions- und Artenschutz besonders gravierend, zudem eine zu klein dimensionierte Referenzanlage und ein Verstoß gegen die strategische Umweltprüfung nach Europarecht. „Die Entscheidung hat gezeigt, dass auf einen rationalen Umgang mit Annahmen und Prognosen gerade bei der dringend erforderlichen Reduktion des globalen CO2-Ausstoßes nicht verzichtet werden kann. Auch in der Regionalplanung gilt, dass sich Maßnahmen daran messen lassen müssen, was sie tatsächlich bewirken, und nicht daran, ob sie ein gutes Gefühl verschaffen.“ Verbandsdirektor Gerd Hager erhofft sich von der Urteilsbegründung Hinweise, wie die Planung rechtssicher erstellt werden kann. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, sagt er. Da der neue Windatlas des Landes sehr viel mehr Standorte in seiner Region als geeignet ausweist, könnte ein neuer Regionalplan für Windkraftgegner noch mehr Steine des Anstoßes enthalten. „Das Urteil könnte sich als Pyrrhussieg erweisen“, sagt Hager. Eine Revision hat der VGH nicht zugelassen.